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Sonntagabends zahle ich gerne Rundfunkgebühren

Irgendwann kommt man in das Alter, in dem man nicht mehr fürs Privatfernsehen gemacht ist.

Das liegt zum einen daran, dass die Qualität der Sendungen gefühlt immer furchtbarer wird, das reine Bloßstellen von Menschen, die keinen Partner finden, mit ihren Schulden nicht klar kommen oder singen wollen, obwohl sie es nicht können, keinen Reiz mehr ausmacht und für mich eher Zeitverschwendung darstellen. Zum anderen ist die Informationsvielfalt bei Formaten wie taff, Galileo oder sternTV doch eher werbegetrieben als bildungsvermittelnd. Die Zeiten von MacGyver, TV Total und Familienduell sind ohnehin schon lange vorbei.

Zum Glück gibt es auch noch die Öffentlich-Rechtlichen Sender, die mit ihrer Rentnerbelustigung im Fernsehgarten, Politiksatire und Vorabendsoaps doch lange Zeit größtenteils uninteressant waren. Klar, Sportschau ging schon immer und auch heute kommt man an Big Bang Theory oder Schlag den Raab im Privatfernsehen nicht vorbei. Aber dennoch hat sich mein Fernsehverhalten in den letzten Monaten grundlegend geändert. Das liegt vor allem daran, dass es viele großartige Formate im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen gibt. Teils gut versteckt, aber mit großartigem Unterhaltungswert. Und dazu interaktiv wie nie zuvor. Ich möchte das an einem typischen Sonntagabend darstellen.

 

20:15 – 21:45 Uhr: Tatort (ARD)

Der Klassiker unter den Fernsehfilmen. 90 Minuten Action, Rätseln oder Spannung, so wie eine Großpackung Überraschungseier. Es gibt ein gutes Dutzend unterschiedlicher Ermittlerteams, alle mit ihren Eigenheiten, einem besonderen landesrundfunkanstalt-typischen Stil oder einer lokalen Facette. Jeder Zuschauer hat seine Lieblingsermittler und schaltet gar nicht erst ein, wenn das Team aus einer unbeliebten Stadt auf Tätersuche geht. Ich persönlich favorisiere die Ermittler aus Kiel, Hannover und die zuletzt abgesetzten Saarbrückener. Auch Frankfurt hat sich nach Anfangsschwierigkeiten oben platziert.

Beim Münsteraner Team ist es ähnlich wie mit Bayern München. Man mag sie oder man hasst sie. Für mich gilt eher letzteres, auch wenn ich Axel Prahl für einen begnadeten Schauspieler halte. Auch der erste Einsatz von Til Schweiger als Hamburger Kommissar wird schon vor Drehbeginn kontrovers diskutiert. Immerhin gibt es mit Wotan Wilke Möhring einen großartigen Schauspieler, der ebenfalls Fälle im Norden lösen soll. Mein Lieblingstatort ist übrigens „Borowski und der coole Hund“.

Was sich im Bereich des Second Screen für dieses Format entwickelt hat ist durchaus erstaunlich. Auf facebook verfolgen tausende Zuschauen parallel den gleichen Film und tauschen sich aus über jede noch so unauffällige Kleinigkeit. Es darf spekuliert und kritisiert werden. Unlogische Elemente werden zerpflückt und auch scheinbar nebensächliche Tatsachen („Die laden nie ihre Handyakkus, gehen nie auf die Toilette, rasieren sich oder müssen mal tanken“) diskutiert. So führt auch der vermeidlich einsame Fernsehabend zu einem gruppendynamischen Austausch.

Offline gibt es Public Viewing Events in Kneipen oder Privatgruppen, die sich zum Tatort wöchentlich zusammenfinden. Der Kultfaktor dieses Formats ist maximal, auch wegen unterschiedlicher Gastauftritte wie der von Berti Vogts („Gib dem Kaninchen eine Möhre extra, es hat uns das Leben gerettet.“), der Peinlichkeit von Jeannette Biedermann als Neonazi-Aussteigerin oder die schauspielerisch unterirdischen Auftritte von Oliver Bierhoff und Theo Zwanziger im Frauenfußballtatort „Im Abseits“ („Unfall, oder?“). Unterschiedliche Plattformen und Communities bilden die Grundlage für einen Austausch und rege Diskussion. Dabei ist aber auch hier sicher: Irgendwer wusste natürlich schon zu Beginn, wer der Täter ist.

 

21:45 – 22:00 Uhr: Bundesliga am Sonntag (WDR) oder Sportclub Bundesliga (NDR)

Nach Ende des Tatorts kann man genau 3 Sachen tun:

1. Man muss dringend auf Toilette, weil man es vor Spannung beim Tatort verkniffen hat. Dann kommt man mit einem Nachschub an Chips und Kaltgetränken zurück, Jauch redet mit irgendwelchen alten Menschen über irgendwelche Themen und man fängt an zu Zappen und landet am Ende aus Versehen bei RTL oder VOX. Also Vorsicht!

2. Man ruft Mutti zurück, weil die es sich mal wieder nicht merken konnte, dass am Sonntag zwischen 20:15 und 21:45 keine Anrufe angenommen werden. Obwohl man zu Hause ist. Da hilft es auch nicht, 4x anzurufen.

3. Man schaltet um auf WDR oder NDR und überbrückt mit den Sonntagsspielen der Bundesliga die Viertelstunde bis zum nächsten Highlight.

Wer letzteres wählt hat die Qual der Wahl. Beide Sender zeigen die 2-3 Spiele in unterschiedlicher Reihenfolge und Länge, je nach regionaler Ausrichtung und Attraktivität. Bleibt man also wegen ein paar Strafraumszenen bei einem Spiel hängen, verpasst man möglicherweise auf dem anderen Kanal gerade das andere Spiel und sieht dann dummerweise 2 Zusammenfassungen von dem gleichen Kick. Passiert Profis natürlich nicht mehr.

 

22:00 – 23:00 Uhr: Roche & Böhmermann (ZDF.kultur)

Mit ZDF_neo, ZDFinfo und ZDF.kultur hat das Zweite Deutsche Fernsehen in den letzten Jahren 3 Spartensender ins Leben gerufen, die bei den meisten standardmäßig sicherlich auf Sendeplatz 34, 39 und 52 programmiert sind. Ändert dies und zwar sofort! Alle Sender haben großartige Formate:

neo paradise mit Joko & Klaas (immer donnerstags gegen 22 Uhr auf ZDF_neo) ist eine Art MTV Home fürs Öffentlich-Rechtliche und dank Wochenrhythmus, Violetta, Olli Schulz und prominenten Gästen wesentlich besser als abgenudelte Formate wie z.B. TV Total. Eine Stunde mit Interviews, Liveauftritten und Einspielern. Extrem kurzweilig.

 

Bambule mit Sarah Kuttner (neue Staffel ab Oktober) ist ein halbstündiges Magazin aus Kultur, Politik und Gesellschaft. Hip und einfühlsam, schrill und doch sehr tiefgründig.

 

Wild Germany mit Manuel Möglich (donnerstags um 23 Uhr auf neo) ist eine halbstündige Reportageserie, rund um Gruppen und Phänomene, ab vom Mainstream der Gesellschaft. So besucht er Leute, die gesunde Körperteile entfernen lassen, auf Crystal Meth hängen geblieben sind oder sich freiwillig mit dem HI-Virus infizieren lassen. Spannend und ein grandioser Einblick in Subkulturen, mitten in Deutschland.

 

Herr Eppert sucht… (3. Staffel in Planung). Herr Eppert macht sich auf die Suche nach Streit, Glück oder Heimat und findet diese an außergewöhnlichen Orten und in beeindruckenden Formen.

 

Elektrischer Reporter (Mittwochs auf ZDF info) ist eine viertelstündige Sendung zum Thema Netzkultur und Internet. Mario Sixtus berichtet aus der Welt von Twitter, Blogs und Trends. Aus einem Videopodcast entstanden hat sich das Format optisch kaum weiterentwickelt, zeigt aber viele kleine spannnende Facetten des Internets in 15 Minuten. Für alle, die nicht die komplette Timeline lesen.

 

ZDF.kultur hat zudem nahezu den kompletten Festivalsommer dokumentiert und viele Liveauftritte von Festivals im Programm. Ob Melt!, Wacken oder Hurricane, für jeden Musikgeschmack ist etwas dabei. Einfach mal auf die Website schauen, wann was läuft.

Aber genug der Empfehlungen. Nun soll es um Roche & Böhmermann gehen. Die Talkshow, die aktuell in ihrer zweiten Staffel ausgestrahlt wird, ist ebenfalls ein Beispiel für große Qualität, gut versteckt. Der Stil der Sendung ist an alte Zeiten angelehnt, die Ausstattung und das Bühnenbild entsprechend gehalten. Das Bild ist arm an Farben, es wird Whisky getrunken und es darf geraucht werden. Moderiert wird die Sendung von „Bumsbuchautorin“ Charlotte Roche und Jan „Dönermann“. Insgesamt 5 Gäste sind pro Sendung eingeladen, hauptsächlich aus den Bereichen Kultur und Medien. Während für jeden Gast im Laufe der Sendung ein kurzer Einspieler gezeigt wird, versuchen die Moderatoren mit auffällig unprofessionellen Überleitungen einerseits eine Gruppendiskussion zu erzeugen, andererseits jedem Gast genügend Sprechzeit einzuräumen. Dies funktioniert teilweise sehr gut, bei einzelnen Themen muss aber auch spontan abgebrochen werden, obwohl das Thema an sich noch nicht ausdiskutiert scheint.

Die Sendung lebt von der Coolheit ihrer Gäste und Gastgeber. Von 5 Gästen kennt man üblicherweise mindestens 4 und findet bereits vorher mindestens 2 ziemlich cool. Mit viel Charme, lustigen Sprüchen und schwarzem Humor versuchen Roche & Böhmermann einen Faden ins Chaos zu bringen. Da sie sich scheinbar kaum auf die Sendung vorbereiten kann es vorkommen, dass Roche Cherno Jobatey erwartet, obwohl Ranga Yogeshwar zu Gast ist, Eko Fresh ganze 2 Sätze sagt und Farin Urlaub die Sendung boykottiert, weil ihm als strikter Nichtraucher die Erlaubnis zu Rauchen missfällt.

Wer diese Sendung sieht, der muss mit allem rechnen. So unterhalten sich Micaela Schäfer und Charlotte Roche über Pickel am Hintern, Jan Böhmermann nimmt während der Sendung eine Viagra-Tablette und Kim Gloss telefoniert während der Sendung mit ihrem Freund. Der großartige Entertainer Olli Schulz hatet in einem Monolog über beschissene Bands ab, Markus Lanz reisst die Moderation fast an sich und ein Student konnte für das Einsenden seines Kontoauszugs der Sendung ebenfalls beiwohnen. Ganz nebenbei wird mit Interakitvität gespielt, die Sendung angehalten oder zurück gespult, und wichtige Aussagen für den Fernsehzuschauer weggepiepst.

Ich würde die Sendung als Sternstunde für das Deutsche Fernsehprogramm bezeichnen. Trotz oder wegen ihrer Unvorhersehbarkeit ist es großartiges Entertainment und jede Sekunde kann wieder eine Überraschung warten.

 

23:00 – 23:45 Uhr: Schlafensvorbereitungen

Nun dürfen die Bettvorbereitungen beginnen. Zähne putzen, Pizzakartons ins Altpapier und das Handy ab ins Ladegerät.

 

23:45 – 00:15 Uhr: Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs (WDR)

Den Abschluss des Abends liefert der Stadionsprecher von Werder Bremen mit seiner Sendung aus seinem Wohnzimmer. Eine Mischung aus Expertentalk, Doppelpass und Domian gepaart mit trockenem Humor und natürlich den Szenen vom Wochenende bietet Zeigler eine andere Sichtweise auf den Fußball, als die Konkurrenz von Sport1, ARD und ZDF. Als Insider mit guten Kontakten zu Spielern, Trainern und Verantwortlichen kann Zeigler wunderbare Interviews führen, Einspieler zeigen oder Telefonate abhalten. Legendär sind seine Interviews mit Dortmunds Trainer Jürgen Klopp, der über die Aussprache des Spielers Leon Andreasen wohl zu einem Kumpel von Zeigler geworden ist. Aber auch das Probetraining bei Thomas Schaaf oder die Magathsche Neuverpflichtungswäscheleine quer durchs Haus sind echte Leckerbissen für Fußballfan und 11Freunde-Abonnent.

Obwohl eigentlich Werder-Fan und im Norden beheimatet, sind Themenschwerpunkte häufig im Westen des Landes angesiedelt, da der WDR die Sendung produziert. Zeigler hat gleichzeitig noch den Radiopodcast, den es sich ebenfalls zu abonnieren lohnt.

 

00:15 Uhr: Feierabend

Nach einem großartigen Fernsehabend ruft das Bett. Ich fühle mich Woche für Woche wunderbar unterhalten. Dafür zahle ich gerne Gebühren. Vielen Dank!

 

PS: Wer alle diese Sendungen nicht gucken kann, keinen Festplattenrekorder im Haus hat oder sonst auch immer unterwegs ist, für den gibt es 3 Alternativen.

1. Die Mediatheken von ARD und ZDF zeigen viele Sendungen bis zu 7 Tage nach Ausstrahlung (Das ist im aktuellen Rundfunkstaatsvertrag so limitiert). Die Mediatheken sind auch mobil erreichbar und als Apps verfügbar.

2. Bei Youtube suchen. Irgendwas findet man immer.

3. Die App dailyme (für iOS, android und Windows Phone) läd komplette Sendungen auf das mobile Endgerät. Die Sendungen kann man sich dann bei der Zugfahrt oder beim Warten ansehen. Ist das Gerät im WLAN, wird automatisch auf neue Sendungen überprüft und ggf. aktualisiert. Sehr praktisch.